Articoli di Giancarlo Toràn, La Frase Schermistica

“Don Enrico” – eine Geschichte von Giancarlo Toràn

Vor etwa fűnfzehn Jahren nahm ich mit diesem Geschichtchen an einem von Antonio Fiore ins Leben gerufenem Literaturwettbewerb teil. Er hiess “Auf Messers Schneide” und war eine schőne Idee, die leider nicht wiederholt worden ist. Der Artikel ist autobiographisch und bezieht sich auf Tatsachen, die sich wirklich ereignet haben. Don Enrico ist heute nicht mehr am Leben, doch dank ihm lernte ich eine wichtige Lektion bezűglich der Mensur: das Fechten findest du űberall!

“Don Enrico” – eine Geschichte von Giancarlo Toràn

 

Der Zug kam fuer den Beginn meiner Unterrichtsstunden immer etwas zu frueh an.

 

Zu der Zeit, als ich eben meinen Meister gemacht hatte, fuhr ich jeden Tag von Neapel nach Salerno, um im Fechtsaal der Nedo Nadi zu lektionieren. Dort wartete er auf mich, Don Enrico, der Hausmeister: ich stehe in seiner Schuld, auch wenn er nie etwas davon gewusst hat. Heute widme ich ihm diesen Tribut, dem Gedenken. Rentner ohne bestimmbares Alter, eher kleinwuechsig und mit wenigen und wackligen im Mund verbliebenen Zaehnen, hauchte er einen leider unertraeglichen Geruch aus: vor allem fuer mich, der ihm fuer die unendlich lange Viertelstunde, die mich von den ersten Schuelern des Tages trennte, Gesellschaft leisten musste.

 

Wenn es nach ihm ginge, hatte er alles moegliche erfunden, den Hubschrauber, das Maschinengewehr, die schoensten napoletanischen Lieder, aber, wie das Schicksal so spielt, immer hat ihm jemand die Ideen weggeschnappt.

Seine unglaublichen Geschichten machten fuer die Kinder und Jugendlichen, die ihm gerne zuhoerten, zu einem sympathischen Maerchenonkel, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, denn er behauptete auch, er verfuege ueber gewisse Zauberkraefte: einmal, vor den Italienischen Aktivenmeisterschaften, segnete er den Saebel von Michele Maffei, welcher, tags darauf, mit jenem den Titel gewann. Nun, kann sein, er haette so wie so gewonnen, aber ein paar Zweifel blieben.

Don Enrico litt an Einsamkeit, und hatte ein grosses Beduerfnis sich mitzuteilen: so gross, wie die Faehigkeit der anderen ihm auszuweichen, zu verschwinden, ihn zu enttaeuschen. Dann war ich gekommen, der ihm nicht entkommen konnte. Ich musste notgedrungen an ihm vorbeigehen, ich hatte nunmehr jede Hoffnung aufgegeben. Fast jede..

Die Szene: ich kam an, er sprach mich an, begann mir irgendwas zu erzaehlen, aber aus naechster, zu naher Naehe. Ich spuerte ihn auf der Haut, ich weiss nicht, ob ihr euch das vorstellen koennt, und wich zurueck, bis zur Wand, rutschte ihr dann seitwaerts entlang; in der Zwischenzeit atmete ich ganz sachte, bejahte nickend, griff mir an die Nase, als wenn ich dadurch die tiefgruendigen Konzepte besser erfassen koennte, in Wirklichkeit aber, um eine kleine Barriere zwischen seinem Atem und meinem Geruchssinn zu errichten. Derweil hoffte ich auf die Rettung durch die Ankunft meiner neuen, leider sehr puenktlichen Schueler. Nie sind sie je auch nur ein paar Minuten zu frueh gekommen!

Man weiss, dass man in schwierigen Momenten das Beste aus sich herausholt. Also widerstand ich, hoffte und biss die Zaehne zusammen. Was tun? Fechten, das denke ich auch noch nach dreissig Jahren, ist eine Metapher des Lebens. Degen, Saebel oder Florett. Wenn ihr wollt Stock, Langschwert, Faeuste, aber auch Diskussionen, Zwigespraeche, jede Art von Auseinandersetzung. Wenn ihr verheiratet seid, werdet ihr mich zweifelsohne verstehen. Die Fechtkunst sei eine einzige, sagten die antiken Meister: Tempo, Schnelligkeit und, vor allem, Mensur. Ich strengte mich daher an, sie zu verstehen, ihre Geheimnisse zu durchdringen. Und Don Enrico, in unseren taeglichen Duellen, stellte mich jedesmal der Laecherlichkeit preis.

Ich hatte an jenem Tag ein Buch ueber die Proxemik gelesen: die Bedeutung des Abstands zwischen den Personen. Der Autor erklaerte warum die Araber, die aus der Naehe zu sprechen gewohnt sind, und die Englaender, die eine groessere Distanz bevorzugen, sich nicht besonders moegen: aufdringlich, oder distanziert. Eine Frage der Kultur.

Mit diesen Gedanken im Kopf, stieg ich aus dem Zug und ging meinem taeglichen Fegefeuer entgegen. Ich betrat das Foyer der Nedo Nadi, wo Don Enrico mich unbeirrbar erwartete. Ich gruesste, wie immer, und stellte mich stoisch in die Mitte des geraeumigen Zimmers, bereit zum Duell, auf die Niederlage vorbereitet, und dennoch: ich hoffte, mit Wuerde.

Er bewegte sich entschlossen auf mich zu, und begann mir zu erzaehlen.. ich erinnere mich nicht was. Ohnehin behielt ich fast nichts von jenem Redefluss. Ich sah zu, dass ich ihn ueberlebte, und, als wahrer Fechter, die Mensur zu halten: doch die Wand meiner Schande kam mir immer naeher. Doch an jenem Tag, an jenem wunderschoenen Tag, schlug die Stunde, da mich eine Erleuchtung ereilen sollte. Eine Entdeckung, nennt es, wie ihr wollt: aber ein Ding der Sorte, wenn es euch passiert, das euch erfuellt, das euch den Eindruck gibt eine neue Welt gefunden zu haben.

Ich wich also zurueck, und in mir arbeiteten, im Dunkeln, die Worte aus Halls Buch. Don Enrico brauchte, um zu kommunizieren, eine kurze Distanz. Ich fuehlte mich wohl mit einer weiteren. Der Araber, und der Englaender. Wie entkommen? Wie?

Die Wand war nunmehr ganz dicht, als, auf einmal, eine Frage in meinem Bewusstsein auftauchte: und was wenn Don Enrico auf einen Araber treffen wuerde, der arabischer waere als er? Was wuerde er tun? Ich stellte mir die Szene vor, und ploetzlich war mir klar, dass ich die Loesung gefunden hatte. Perfekt, klar, unwiderstehlich. Eine Erleuchtung, eben.

Ich machte noch einen Schritt zurueck, hin zur Wand, und Don Enrico schritt voran, als folgte er einem Drehbuch. Diesmal jedoch wich ich nicht zurueck. Auch ich machte sofort ein Schrittchen vorwaerts, und einen Augenblick lang waren wir dicht an dicht: zu nah, sogar fuer ihn. Wir starrten uns an. Waehrend er weiterredete, erriet ich in seinem Blick etwas Verbluefftes. Er unterbrach sich nicht, das waere zuviel verlangt gewesen. Aber er hielt inne, und.. machte einen Schritt rueckwaerts! Bereit wie die Feuerwehr machte auch ich einen Schritt rueckwaerts, und, wartete, voller Selbstvertrauen. Don Enrico zoegerte, fand ich sei zu weit entfernt, und kam mir wieder entgegen. Postwendend machte auch ich einen Schritt auf ihn zu. Er wich neuerlich zurueck,

So machten wir weiter, bis die Rettung, die ich nunmehr gar nicht mehr ersehnte, eintraf. Ich freute mich diebisch, und dachte schon daran, wie ich jene aussergewoehnlich Entdeckung auf der Planche umsetzen konnte. Lieber Don Enrico, ich danke dir: ich habe sie dir alleine zu verdanken!

Giancarlo Toràn

Aus dem Italienischen von Luca Gabriel Popper

Das Titelbild ist von Isabella Panzera

 

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